
Die Camargue: ein Delta, das zur Hälfte angelegt ist
Flamingos, weiße Pferde und Salzflächen, wo die Rhone das Meer erreicht. Fast alles, was man dort sieht, ist von Menschenhand mitgeformt.
Die Camargue liegt dort, wo sich die Rhone teilt und ins Mittelmeer mündet. Sie ist das Bild unberührter Natur: Wasserflächen bis zum Horizont, rosafarbene Vögel, Herden weißer Pferde.
Dieses Bild verdient eine Korrektur, und die macht das Gebiet interessanter statt weniger interessant.
Menschen sind seit Jahrtausenden da
In der Camargue leben seit Tausenden von Jahren Menschen, und sie haben die Landschaft tiefgreifend verändert: Entwässerungsanlagen, Deiche, Reisfelder und Salzgärten.
Ein großer Teil der äußeren Camargue wurde für die Landwirtschaft trockengelegt. Was bleibt, ist also kein Rest, den man zufällig in Ruhe gelassen hat, sondern ein Gebiet, dessen Wasserhaushalt weitgehend von dem bestimmt wird, was Menschen angelegt haben.
Der Flamingo lebt in einer Fabrik
Hier wird es bemerkenswert. Die Camargue ist als Important Bird Area ausgewiesen, und der Flamingo ist ihr Aushängeschild: Dies ist einer der wenigen Orte in Europa, an denen die Art lebt.
Aber wo diese Vögel stehen, ist der Punkt. Die Salzgärten bilden ihren Lebensraum. Das sind Becken, die angelegt wurden, um Meerwasser verdunsten zu lassen und daraus Salz zu gewinnen.
Flamingos fressen kleine Krebstiere und Algen, die gerade in extrem salzigem Wasser gedeihen. Ein Salzbecken ist dafür ideal: flach, warm, still und salziger als das Meer. Was als Industriegelände eingerichtet wurde, erweist sich als genau der Lebensraum, den diese Art braucht.
Das Rosa der Federn stammt zudem aus dieser Nahrung. Die Farbe, derentwegen alle kommen, kommt aus der Ernährung, und diese Nahrung wächst in Becken, die für den Salzhandel gegraben wurden.
Die Pferde und die Rinder

Durch die Sümpfe ziehen Camargue-Pferde und Camargue-Rinder. Das weiße Camargue-Pferd ist eine eigene Rasse und wird von den Gardians geritten, den Viehhirten der Gegend.
Auch das ist keine Wildnis im strengen Sinn. Es sind gehaltene Tiere in einer halboffenen Landschaft, und ihre Beweidung hält diese Landschaft offen. Ohne sie würde ein Teil davon zuwachsen.
Pflanzen, die Salz vertragen
Die heimische Flora ist an salzige Bedingungen angepasst. Strandflieder und Queller gedeihen dort, Pflanzen, die auf gewöhnlichem Boden nicht mithalten können und hier gerade gewinnen, weil die Konkurrenz das Salz nicht verträgt.
Dasselbe Salz sorgt für die Farben, für die das Gebiet bekannt ist: Der rötliche Schleier über manchen Flächen stammt von Mikroorganismen, die bei hohen Salzkonzentrationen gedeihen.
Was man davon halten soll
Man neigt zu dem Schluss, die Camargue sei also keine echte Natur. Das ist der falsche Schluss.
Es ist ein Gebiet, in dem menschliche Nutzung und Ökologie so verflochten sind, dass man sie nicht mehr trennen kann. Hört man mit der Salzgewinnung auf, verlieren die Flamingos ihre Becken. Nimmt man die Herden weg, verändert sich die Landschaft. Stellt man den Fluss vollständig wieder her, verliert man, was jetzt dort ist.
Das macht die Pflege kompliziert und, ehrlich gesagt, moderner als ein Reservat, in dem nichts erlaubt ist. Die Camargue zeigt, wie eine Landschaft aussieht, in der niemand mehr sagen kann, welcher Teil zur Natur gehört und welcher zum Betrieb.