
Der Mistral: warum der Himmel über der Provence so klar ist
Ein kalter Nordwestwind, der tagelang wehen kann und den Himmel leerfegt. Die Erklärung, die man am häufigsten hört, ein Trichter im Rhonetal, stimmt nur zur Hälfte.
Der Mistral ist ein kalter Nordwestwind, der von Südfrankreich in den Golfe du Lion weht. Laut Météo-France kann er im Mittel fünfzig Kilometer pro Stunde erreichen, mit Böen von achtzig bis hundert, manchmal mehr. Und er hält an: tagelang, manchmal länger als eine Woche. Ein loser Fensterladen kommt kaum zur Ruhe.
Zwei Druckgebiete ziehen an derselben Luft
Der Mistral entsteht, wenn über dem Golf von Biskaya hoher Druck liegt und rund um den Golf von Genua tiefer Druck. Zwischen beiden setzt sich Luft in Bewegung. Kalte Luft aus dem Norden wird angesaugt und beschleunigt durch die niedrigeren Durchlässe zwischen den Ausläufern der Alpen und den Cevennen.
Die Bedingungen sind noch günstiger, wenn gerade eine kalte Regenfront von Nordwesten nach Südosten über Frankreich gezogen ist, bis ans Mittelmeer. Dann liegt die kalte Luft bereits bereit.
Der Trichter erklärt nicht, wo er am stärksten ist
Fast überall liest man dieselbe Erklärung: Das Rhonetal ist lang und eingeschlossen, die Luft wird durch eine Verengung gepresst und wird dadurch schneller. Der Venturi-Effekt.
Diese Erklärung ist nicht falsch, aber unvollständig, und eine einfache Probe zeigt das. Wäre der Trichter die ganze Geschichte, müsste der Wind an der engsten Stelle des Tals südlich von Valence am stärksten sein. Ist er nicht. Der Mistral erreicht seine höchsten Geschwindigkeiten viel weiter südlich, wo sich das Tal bereits geweitet hat.
Noch etwas passt nicht. Der Mistral ist kein Talphänomen. Er weht bis in etwa drei Kilometer Höhe, bis in die Troposphäre. Auf dem Gipfel des Mont Ventoux, neunzehnhundert Meter hoch, bläst er hart, während die Ebene darunter sehr breit ist. Ein Trichter am Boden erklärt das nicht.
Was sehr wohl mitspielt: Kalte Luft ist dichter als warme Luft. Diese Massen strömen von den Bergen und durch die Täler hinab ins Tiefland. Das ist der Schwerkraftteil der Geschichte, und der wirkt auch dort, wo es gar keine Verengung gibt.
Warum er kalt bleibt und ein Föhn warm wird
Dieses Absteigen ähnelt einem Föhn, dem Wind, der auf der anderen Seite der Alpen herunterkommt. Aber es gibt einen Unterschied, den man sofort im Gesicht spürt.
Absinkende Luft erwärmt sich durch Kompression. Trotzdem fühlt sich der Mistral kalt an: Er führt kalte Luft aus dem Norden heran. Man kann ihn deshalb nicht einfach mit dem warmen, trockenen Föhn auf der Leeseite der Alpen gleichsetzen. Die Herkunft der Luft und ihr gesamter Weg spielen eine Rolle.
Das Licht, und die Ausnahme
Der Mistral ist trocken. Er bringt meist einen wolkenlosen Himmel und hartes Sonnenlicht, und daher rührt sein Ruf: der Wind, der die Luft blank putzt. Wer gesehen hat, wie scharf die Alpilles an einem Mistraltag stehen, versteht, warum Maler für dieses Licht angereist sind.
Es gibt aber auch einen Mistral noir, einen schwarzen Mistral, der stattdessen Wolken und Regen bringt. Er tritt auf, wenn sich das Azorenhoch ausdehnt und ungewöhnlich feuchte Luft aus Nordwesten heranführt. Gleiche Windrichtung, anderes Wetter. Der Mistral ist keine Garantie für Blau.
Was der Name sagt
Mistral stammt aus dem Languedoc-Dialekt des Okzitanischen und bedeutet meisterlich. Derselbe Wind heißt mestral auf Katalanisch, maestrale auf Italienisch und Korsisch, majjistral auf Maltesisch. Ein Wind, der in vier Sprachen denselben Namen trägt, weht lange genug, um ihn verdient zu haben.
Wer im Mittelmeer segelt, begegnet ihm auch weit vor der Küste: Zwischen Korsika und den Balearen löst der Mistral regelmäßig plötzliche Stürme aus. Was an Land ein heller Tag ist, ist auf See ein Grund, im Hafen zu bleiben.