
Die Bora: der Wind, der Brücken sperrt
Auf der Maslenica-Brücke wurde eine Bö von 248 Kilometern pro Stunde gemessen. Die Bora beginnt an einem klaren, windstillen Tag und ist eine Viertelstunde später nicht mehr zu ignorieren.
Entlang der Küstenautobahn zwischen Zadar und Karlobag stehen Windschutzwände. Nicht als Versuch, sondern weil sie sich als nötig erwiesen. Am 21. Dezember 1998 wurde auf der Maslenica-Brücke nördlich von Zadar eine Bö von neunundsechzig Metern pro Sekunde gemessen. Das sind achtundvierzig Kilometer pro Stunde über zweihundert.
In den Weihnachtstagen 2003 wurde auf der A1 beim Sveti-Rok-Tunnel sogar ein Wert von dreihundertvier Kilometern pro Stunde abgelesen. Diese Messung gilt nicht als offizieller Rekord, sagt aber etwas über die Größenordnung.
Was eine Bora ist
Die Bora ist ein nördlicher bis nordöstlicher Fallwind entlang der Adria. Fallwind, katabatisch, heißt: Die Luft wird nicht geschoben, sie fällt. Kalte, schwere Luft stürzt vom Hochland zur Küste.
Sie weht in Böen, nicht als gleichmäßiger Strom. Genau das macht sie für den Verkehr gefährlich: Zwischen zwei Böen kann es fast still sein. Sie tritt vor allem im Winter auf, trifft den Küstenstreifen und schwächt sich über offener See ab.
Warum gerade dort
Hinter der kroatischen Küste steht eine Mauer. Das Velebit-Gebirge zieht sich über hundertfünfundvierzig Kilometer am Meer entlang und bildet eine Scheide zwischen zwei Welten: auf der einen Seite das verschneite Binnenplateau, auf der anderen die Mittelmeerküste.
Die Bora weht am stärksten, wenn ein polares Hoch über diesem kalten, verschneiten Hinterland liegt, während südlicher ein ruhiges Tief steht. Dann staut sich kalte Luft hinter einem Rücken, auf dessen anderer Seite das Meer liegt. Diese Luft sucht einen Weg nach unten.
Die Stellen, an denen es am härtesten bläst, sind die Stellen, an denen die Mauer eine Lücke hat: bei Senj, bei Stara Novalja, bei Karlobag und am südlichen Portal des Sveti-Rok-Tunnels. Dort kann der Wind zweihundertzwanzig Kilometer pro Stunde erreichen.
Warum sie kalt bleibt
Hier wird es interessant für alle, die den Föhn kennen. Ein Föhn steigt ebenfalls von einem Gebirge herab, kommt aber warm unten an: Er hat seine Feuchte auf der anderen Seite abgegeben und kassiert beim Absinken die frei gewordene Wärme.
Die Bora nicht. Die herabstürzende Luft ist so kalt gestartet, dass die Erwärmung durch das Absinken das nicht ausgleicht. Was ankommt, ist weiterhin Winterluft, nun mit Wucht.
Damit gehört die Bora zur selben Familie wie der Mistral, der aus Südfrankreich in den Golfe du Lion bläst und ebenfalls kalt bleibt. Drei Winde, die von oben nach unten ziehen, und nur einer davon wird warm.
Hell und dunkel
Italiener und Kroaten unterscheiden zwei Arten, und das ist keine Folklore, sondern ein brauchbarer Unterschied.
Die Bora chiara, die helle Bora, weht unter einem Hochdruckhimmel: hartes Blau, eisig, mit Fernsicht. Die Bora scura oder skura bura, die dunkle Bora, kommt mit Wolken, die sich auf den Hügelkuppen sammeln und zum Meer ziehen, mit Regen oder Schnee.
Derselbe Wind, dieselbe Richtung, ein völlig anderes Gesicht. Wer an dieser Küste wohnt, schaut deshalb zuerst auf den Kamm und dann aufs Meer.
Auf dem Wasser sichtbar
Die Bora sieht man, bevor sie einen erreicht. Aus dem Flugzeug über der Kvarner Bucht zeigt das Meer lange weiße Streifen: Schaum, den die Böen in Bändern über das Wasser ziehen, parallel zur Windrichtung. Dieses Muster gibt es nur bei Bora.
Ein Name, älter als die Karte
Im Griechischen heißt der Nordwind boras. Sprachwissenschaftler vermuten, dass der Name auf eine alte Wurzel für Berg zurückgeht, dieselbe, aus der slawisch gora und sanskritisch giri hervorgingen.
Das hieße, der Wind ist nicht nach seiner Richtung benannt, sondern danach, woher er kommt: vom Berg. Für jemanden, der in Senj lebt, ist das keine Etymologie, sondern eine Beschreibung.