
Stonehenge zur Tagundnachtgleiche: Warum die Steine nicht auf das Herbstäquinoktium ausgerichtet sind
Am 23. September 2026 öffnete English Heritage den Steinkreis von Stonehenge bei Sonnenaufgang zur herbstlichen Tagundnachtgleiche. Was ein Äquinoktium ist, worauf die Erbauer das Monument tatsächlich ausrichteten und warum die Tagundnachtgleiche trotzdem Besucher anzieht.
Für Mittwoch, den 23. September 2026, hatte English Heritage, das das Monument verwaltet, den Besuchern Zugang zu dem Feld mit dem Steinkreis versprochen, sobald das Licht es erlaubte. Es bat die Besucher allerdings, die Steine nicht zu berühren oder zu besteigen: Berührungen beschädigen die Oberfläche und die seltenen Flechten, die darauf wachsen.
Es ist ein besonderer Tag. Doch die Tagundnachtgleiche ist nicht der Tag, für den Stonehenge einst gebaut wurde. Diese Geschichte beginnt bei der Sonne selbst.
Was ein Äquinoktium eigentlich ist
Die Erdachse steht schräg. Deshalb beleuchtet die Sonne die eine Halbkugel stärker als die andere, je nachdem, wo sich die Erde auf ihrer Bahn befindet. An zwei Zeitpunkten im Jahr beleuchtet die Sonne die Nord- und die Südhalbkugel gleich stark. Das sind die Äquinoktien, erklärt das Royal Observatory Greenwich. Die Sonne steht dann senkrecht über dem Äquator, und Tag und Nacht dauern ungefähr gleich lang, schreibt der britische Wetterdienst Met Office. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „gleiche Nacht“.
2026 fiel die herbstliche Tagundnachtgleiche laut dem Royal Observatory Greenwich in die frühen Stunden des 23. September, britischer Zeit. Da es sich um einen weltweit einheitlichen Moment handelt, kann das Datum je nach Zeitzone abweichen.
Ob dann der Herbst beginnt, ist eine Frage der Übereinkunft. Manche sehen die Tagundnachtgleiche als Beginn der Jahreszeit, andere als ihre Mitte, schreibt das Royal Observatory. Für das Met Office markiert die herbstliche Tagundnachtgleiche den Beginn des Herbstes: Ab dann sind die Nächte länger als die Tage.
Auf die Sonnenwenden gebaut

Stonehenge wurde in Phasen errichtet. Das erste Monument war ein Erdwall mit Graben von vor etwa 5.000 Jahren. Der Steinkreis folgte in der späten Jungsteinzeit, um 2500 v. Chr. Zusammen mit Avebury bildet Stonehenge das Herz einer Welterbestätte, die für ihre dichte Konzentration prähistorischer Monumente bekannt ist.
Die Steine stehen nicht zufällig. Stonehenge und eine Reihe anderer Monumente in der Umgebung sind auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende und den Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende ausgerichtet, schreibt die Koordinierungsstelle der Welterbestätte. English Heritage beschreibt, wie das funktioniert. Wer zur Sommersonnenwende mitten im Kreis steht, sieht die Sonne knapp links vom Heel Stone aufgehen, einem einzelnen Stein nordöstlich des Kreises. Zur Wintersonnenwende ging die Sonne ursprünglich zwischen den beiden Stützen des höchsten Trilithen unter, zwei aufrecht stehenden Steinen mit einem Deckstein. Dieser Effekt ist verloren gegangen, weil die Hälfte dieses Trilithen umgestürzt ist.
Vielleicht wurde der Ort sogar aus diesem Grund gewählt. Unter der Avenue, dem Wall, der Stonehenge mit dem Fluss Avon verbindet, verlaufen natürliche Rippen und Rinnen aus der Eiszeit. Sie liegen zufällig in der Linie der Sonnenwende. Der National Trust, der die umliegende Landschaft verwaltet, schreibt, dass dieses Naturphänomen den Ort wahrscheinlich erst zu etwas Besonderem machte.
English Heritage vermutet, dass die Wintersonnenwende für die Erbauer vielleicht wichtiger war als die Sommersonnenwende. Wer über die Avenue auf die Steine zugeht, hat die Linie zur untergehenden Wintersonne direkt vor sich.
Warum dann doch die Tagundnachtgleiche?
Hier muss man ehrlich sein. Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Erbauer von Stonehenge die Zeitpunkte auf halbem Weg zwischen den Sonnenwenden, im Frühling und im Herbst, markierten, schreibt English Heritage. Archäoastronomen halten es für unwahrscheinlich, dass die Äquinoktien für die Menschen der Vorgeschichte etwas bedeuteten. Heute kommen dort allerdings zur Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche Menschen zusammen, um den Sonnenaufgang zu sehen.
Die Tagundnachtgleiche in Stonehenge ist also vor allem ein moderner Brauch an einem alten Ort. Für viele Besucher ist Stonehenge ein heiliger Ort, schreibt English Heritage, und es bittet sie, die Steine und einander zu respektieren.
Wer zu den Steinen geht, durchquert zudem eine viel größere alte Landschaft. Der Weg vom Besucherzentrum führt über Hügelland des National Trust, der rund um den Kreis 827 Hektar Kalkmagerrasen verwaltet. Dort liegen unter anderem die Avenue und Grabhügel aus der Bronzezeit.

Der Steinkreis von Stonehenge unter einem großen, hellen Wolkenhimmel, von Südwesten aus gesehen; in der Ferne gehen Besucher über das Grasland. · TobyEditor, CC BY 4.0